Zwischen Puppenspiel und Machtmissbrauch: Kleists „Krug“ in neuem Gewand
Bunt, kindlich und puppenhaft – Adjektive, die man nicht sofort mit Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ aus dem Jahr 1811 in Verbindung bringen würde. Doch genau diese fassen die Eindrücke, welche die Kursstufen 1 und 2 des Lise-Meitner-Gymnasiums sammelten, als sie gemeinsam mit ihren Lehrerinnen Corinna Feuchter, Julia Liebing, Myriam Kossak, Marion van Os und Jasmin Waßer die Inszenierung der Badischen Landesbühne im Hangar Event Airport Crailsheim besuchten.
Im Drama „Der zerbrochne Krug“ geht es um einen Dorfrichter, der einen Prozess über einen zerbrochenen Krug leitet, obwohl er selbst der eigentliche Täter ist. Während der Gerichtsverhandlung verstrickt er sich zunehmend in widersprüchliche Lügen und versucht verzweifelt, die Wahrheit zu vertuschen. Obwohl seine Schuld am Ende aufgedeckt wird, bleibt er durch seine Flucht von einer Strafe verschont.
Bereits die Kulisse überraschte die Zuschauer: Tapeten teilten die Spielfläche in 3 Räume auf, welche jeweils unterschiedlich farbig gestaltet waren. Diese Farben und Muster spiegelten sich auch in der Kleidung der einzelnen Figuren wider. So war auffällig, dass der Schreiber Licht und Frau Brigitte, welche die Schlüsselrollen bei der Enthüllung der Wahrheit übernehmen, in grün bekleidet waren. Dies steht symbolisch für die Hoffnung auf die Wahrheit. Richter Adam hatte ein dunkleres grünes Hemd an, das wohl ein Hinweis dahingehend sein sollte, dass der Dorfrichter seine Aufgabe, nämlich die Aufklärung, nicht erfüllt.
Im Verlauf des Stückes und somit im Verlauf der Gerichtsverhandlung passte sich das Bühnenbild an den Inhalt der Handlung an und eröffnete auf diese Weise neue Blickwinkel für den Betrachter. So erschien in einem Fenster der Kulisse ein Auge kurz bevor und während Frau Brigitte ihre Sichtweise der Geschehnisse sowie das alles entscheidende Indiz präsentierte. Dies betont auch auch sehr stark Adams Charakter: Der Dorfrichter, der – anders als sein berühmter Gegenpol aus der Antike, Ödipus – sehend in die Verhandlung ging, hätte seine Schuld sofort zugeben können.
Die Gestaltung der Figuren, die wie von Kinderhand angemalte, verunstaltete Puppen aussahen, war ein weiterer Aspekt, der ins Auge stach. Vor allem Eve, welche durch Adams sexuelle Belästigung Opfer der Tat ist, hatte ganz bunte Haare und schrecklich, grelle Schminke. Diese Misshandlung des Aussehens weist auf die Misshandlung Eves durch Adam hin. Zudem bewegten sich die Figuren puppenhaft – wirkten dadurch fremdgesteuert – und folgten den Bewegungen Adams, welcher die Kontrolle über fast jede Figur zu haben schien. Der Gerichtsrat Walter ist der einzige gewesen, welcher sich einigermaßen frei bewegen konnte, was aufzeigt, dass nur er frei von Adam und dessen Macht ist.
Die Bewegungen der Figuren verdeutlichten jedoch nicht nur Druck von außen, sondern auch innere Prozesse. Daher zitterten insbesondere Eve und ihr Verlobter Ruprecht, welcher als Hauptverdächtiger sein Leben in Scherben vor ihm liegen sieht, sehr stark während des ganzen Gerichtsprozesses. Das Zittern zeigte dem Zuschauer die emotionale Involviertheit, ihre Anspannung und die Angst demonstrieren. Hinsichtlich Eve verdeutlichte dieses Zittern ihre Angst und ihr Leiden darunter, dass sie sich nicht frei zu dem Verbrechen äußern konnte, da sie mit ihrer Aussage sehr private und intime Angelegenheiten offenbaren musste.
Die Inszenierung der Badischen Landesbühne hat den Schülern viele neue Impulse zur Interpretation gegeben und es wurden dadurch neue Sichtweisen deutlich. Im Ganzen kann man sagen, dass sich der Besuch gelohnt hat und nun der Inhalt und dessen tiefere Bedeutung für alle klar geworden ist.
Text: Adigüzel
Redaktion: Ft
Foto: Ft